top of page

Essay: Begegnung


Bild: aus 2012, Grenchenberg
Bild: aus 2012, Grenchenberg

Es ist lange her, jedoch kann ich mich noch ganz genau daran erinnern, an dieses Erlebnis, von dem ich von Zeit zu Zeit selber nicht mehr genau weiss, ob es Realität war oder ein Traum, oder vielleicht doch nur ein Gefühl in mir. Vielleicht war es auch nur eine ethische Erscheinung, die mich irgendwann, zu irgendeinem Zeitpunkt zur wahren Erleuchtung führen wird, wer weiss. Was ich mit voller Überzeugung sagen kann, ist, dass es mich einerseits verwirrt, aber auch auf eine Art befreit hat, ich war plötzlich befreit von allen Ängsten, und dachte nur noch, wie schön ist es zu leben und zu wissen, dass einem nichts passieren kann, in diesem Moment, in diesem Augenblick, ich liebte es, dieses Gefühl. Doch ich liebte es nicht wie andere Dinge, diese Liebe glich nicht einer Sucht, ich genoss sie nur, und vor allem war ich glücklicher als nie zuvor.

Ich lief durch den Wald, wie ich es so gerne tue, an schön warmen Tagen, in der freien Natur, wo man ganz für sich sein kann, vereint mit den vielen Pflanzen und Tieren und dem Rauschen des Flusses. Es war schon gegen Abend, also musste ich meinen Gang ein bisschen beschleunigen, da ich mich schliesslich nicht verirren wollte. Also lief ich weiter und weiter, träumend, in den Himmel schauend, die schönen, prachtvollen Bäume beobachtend.

Schliesslich sah ich am Wegrand eine kleine, blühende Blume, die mich inspirierte und meinen Blick auf sich zog, so sanft und unwahrscheinlich, und doch eine solche Schönheit ausstrahlend. Also duckte ich mich, sah sie eine Weile an und genoss ihre Zartheit, riss sie nicht aus, sah sie nur an, und wollte schliesslich wieder aufstehen und weiterlaufen, als ich plötzlich einen jungen Mann hinter mir sah, der mich wahrscheinlich schon eine Weile anschaute, einen nicht wirklich hübschen Mann, doch mit bemerkenswert sanften Augen, einem warmen Blick und markanten Gesichtszügen. Zuerst kam es mir düster rein, dieses Gesicht, doch nach einem Moment des unaufhörlichen Anstarrens bemerkte ich sie, diese ganz passive Faszination in seinen Augen, diese schöne Ausstrahlung, die sofort mein Herz erwärmte und die nur von seinen Augen herleitete. Schon bald war es mir peinlich, ihn so anzusehen, jedoch konnte ich nur schwer meinen Blick abwenden, ich musste es ansehen, dieses faszinierend einzigartige Wesen, bei dem ich mir nun kaum mehr sicher bin, dass es ein Mensch war, und nicht irgend ein Engel; jedenfalls hatte ich noch nie ein dermassen irreales Gefühl gehabt, bei einer Person meinesgleichen, es war beinahe überwältigend. Ich spürte weniger eine Verliebtheit, eher eine unglaublich starke Nächstenliebe, und doch war es nicht wirklich Nächstenliebe, denn diese ist ja bekanntlich weniger ein Gefühl als ein Dauerzustand, und in diesem Moment hatte ich das Gefühl, als würde ich von einer stärkeren Macht angezogen werden, ich kann es kaum beschreiben, was ich empfunden habe, in diesem Moment, seelisch wie auch körperlich. „Sie ist sehr schön, diese Blume, nicht wahr?", sagte ich sodann, ohne recht zu überlegen. Ich war immer noch unfähig, wegzuschauen, sie war zu magisch, und gleichzeitig so traurig, die Atmosphäre zwischen uns, trotzdem versuchte ich, sie irgendwie aufrecht zu erhalten, denn ich genoss sie immer noch. Ganz aus meinem Gefühl heraus fuhr ich dann fort: "Doch, was wird in ein paar Tagen sein? Sie wird verwelken, auch sie wird mal hässlich sein, und uns traurig stimmen. Nichts währt ewig, alles stirbt mal, es ist zu traurig." Ich war überrascht über meine eigenen Worte, sogleich wurde mir endlich klar, wie traurig ich eigentlich war, welche Idiotie mich geleitet hat, im Glauben, zufrieden zu sein mit meinem Leben. Oder, war es nur ein Gefühl? Ich weiss jetzt noch nicht, was mich zu diesen Worten geführt hatte, jedenfalls wusste ich im Nachhinein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas am richtigen Ort zur richtigen Zeit und vor allem zur richtigen Person gesagt hatte. Nach einem Moment des Schweigens sagte er endlich: "Ist das nicht eine zu pessimistische Haltung? Sollte man diese Schönheit, wie täuschend und vorübergehend sie auch ist, nicht einfach geniessen, ohne an das Verwelken und das Sterben zu denken? Es ist doch zu schade, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wann wir sterben werden, und wie hässlich wir sein werden, irgendwann wird uns klar sein, dass wir unser Leben so nur verschwendet haben, und es wird uns verbittert machen, der Hass gegen das Leben und gegen uns selbst wird grösser sein denn je." Ich fragte mich, wie alt er wohl sein mochte, es war so schwer, es zu erraten, er sah eigentlich ziemlich jung aus, er hatte gesunde Zähne, glänzende Haare, eine schlanke Statur. In seinen Augen jedoch erkannte ich Weisheit, so vertrauenswürdig und erfahren; zugleich fragte ich mich, was er wohl erlebt haben musste, dass er solche Sachen von sich gab. Seine Worte waren sehr sinnvoll, doch ziemlich provokativ, wie mir schien, wie konnte er einfach so über mein Sein und Werden urteilen, so bestimmt und ganz ohne Zweifel an der Wahrheit seines Denkens, wo er mich doch überhaupt nicht kennt? Ich sah die Blume an, und dann ihn, und erschrak, als er mich ansah, mit seinen tiefblauen, unergründlichen Augen. Sogleich erkannte ich sie auch, die Wahrheit in seinen Worten, die eigentlich genauso wahr waren wie meine Worte, nur viel schöner und präziser dargelegt. Und plötzlich, wie er meine Gedanken lesen könnte, sagte er: „Es spielt keine Rolle, wie die Wahrheit aussieht, schlussendlich ist es nur wichtig, ob man den Verlauf des Lebens und all die wunderschönen wie die hässlichen Details pessimistisch oder optimistisch betrachtet. Die Menschheit ist so sehr darauf bedacht, die Wahrheiten zu ergründen, sodass sie diese Grundlage ganz aus den Augen verliert. Es ist ein grosser Irrtum, zu denken, es gäbe nur eine Wahrheit." Ich überlegte, was er mir damit sagen wollte. Wollte er mich mit seiner Weisheit beeindrucken und nur bluffen, oder war er, wie ich es im Gefühl hatte, mehr als ein ganz einfacher Mensch und wusste mehr über mein Leben, mehr über meine Eindrücke dem Leben gegenüber? Denn, als ich einen Moment überlegte, ging mir auf, dass dies die Antwort auf so viele Fragen war, die ich mir schon mein ganzes Leben gestellt hatte. Was ist richtig, was ist falsch? Gibt es überhaupt ein Richtig und ein Falsch? Und, vor allem, wie lautet die Lösung zum ewigen Glück, falls es diese überhaupt gibt? Ich denke, er begriff, wie dankbar ich ihm war, für diese Worte und diese Erkenntnis, zu der er mich gebracht hatte. Er nickte nur und ging weiter. Ich wollte ihn aufhalten, wollte, dass er mich weiter belehrte, und mich zu noch mehr Glück verhalf, bis ich merkte, dass ich gar nicht noch mehr Glück benötigte.

Diese Erkenntnis genügte, und dies wusste mein Herz.

Als ich alleine im stillen Dunkel der Nacht nach Hause lief, war ich mir schon nicht mehr ganz sicher, ob das eben wirklich geschehen war, oder ob es, wie erwähnt, nicht nur eine Art „Erscheinung" war, vielleicht ein Tagtraum, doch ebenso überlegte ich, ob es doch nicht eher ein Engel, oder gar Jesus war, der mich eben über mein gesamtes Leben aufgeklärt hatte, mit ein paar mehr oder weniger einfachen Worten. Ich wusste nur, dass in meinem Leben bisher nichts geschehen war, was mir mehr zum Glück verholfen hätte, als diese Begegnung, mit diesem Heiligen, mit Gott.


Moser Selina, 15


Dieser Essay entstand im Jahr 2005, als ich 15 Jahre alt war. Ich habe ihn nach langer Zeit wiedergefunden und hatte die Idee, ihn unverändert auf meinen Blog zu stellen. Die Fragen nach Wahrheit und Wahrnehmung, die Natur als Erfahrungsraum, die Begegnung mit etwas Grösserem, das Vertrauen ins Leben - alles Dinge, die mich schon immer begleitet haben.

Kommentare


Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.
bottom of page