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Inspiration im Alltag: über einen Eisblock im Kühlschrank

Bewusst leben heisst für mich unter anderem, in der Einfachheit anzukommen, den Alltag zu geniessen, im Kleinen Wundervolles zu entdecken. ​D​abei ist es manchmal unglaublich, wie alltäglich die Dinge sind, die uns inspirieren können. Warum? Weil wir der Spiegel sind für ebenjene Inspiration.​ Hierzu eine kleine Anekdote.


Letztens hatte ich Urlaub, und da ich an einem wunderschönen Ort lebe, habe ihn bewusst zu Hause verbracht. Die Idee hat sich als genial herausgestellt: Ich empfand es als hyper-entspannt, nicht zu reisen, nicht zu organisieren, einfach zu sein. Viel Zeit zu haben, um lange zu schlafen, einfach in den Tag hineinzuleben, mit meinem Hund in die Natur zu gehen und ohne Druck an meinem Roman weiterzuschleifen.


Dabei hatte ich Zeit, mich dem einen oder anderen kleinen Projekt im Haushalt zu widmen. So wie beispielsweise dem Entfernen eines grossen Eisblocks, der sich über Wochen in der Mitte meines Kühlschranks breitgemacht hat.


Bild: der Eisblock im Kühlschrank.
Bild: der Eisblock im Kühlschrank.

Der Eisblock ist über die Zeit gewachsen, weil der Regler des Temperatur-Kühlschranks wahrscheinlich nicht richtig eingestellt und die reale Temperatur eigentlich tiefer ist, als sie angezeigt wird. Irgendwann hatte ich ihn entdeckt, und er war schon so gross, dass ich wusste: ich muss erst alles ausräumen, bevor ich den Kühlschrank abtauen und den Eisblock sich auflösen lassen kann. So ist er weiter gewachsen und gewachsen, und als sich meine Schwester vor Lachen fast kugelte, als sie ihn sah, habe ich langsam Lust bekommen, ihn wegschmelzen zu lassen.


Also machte ich mich an einem gemütlichen Ferientag an die Arbeit und leerte den Kühlschrank, liess den Eisblock sich auftauen, während ich gleichzeitig den Rest des Kühlschranks wieder mal einer Grundreinigung unterzog. Mithilfe warmer Tücher und am Schluss sogar einer Bettflasche schmolz der Eisblock dahin, so schnell, wie manche gerne ihren Hüftspeck wegschmelzen sehen möchten, witzelte ich mit meiner Schwester.


Ja, überhaupt musste ich so sehr lachen - zuerst überhaupt wegen der Tatsache, dass der Eisberg entstanden ist, und dann über den Aufwand, den man für seine Entfernung betreibt. Auch staunte ich, wie gross er geworden war! Das war erstmal echt eindrücklich.


Nun denn, der Eisblock schmolz und schmolz, und Stunden später, als ich eine mit brodelndem Wasser gefüllte Bettflasche neben ihn legte, brach er in sich zusammen.


Triumphierend und erleichtert machte ich ein Foto und schickte es mit dem folgenden, Original in Schweizerdeutsch verfassten Text an meine Schwester.


"Langsam aber stetig schmilzt sein Herz dahin, während seine Härte in sich zusammenbricht... Alles seiner Starrheit und Überdrüssigkeit wirft er über Bord, mit Kraft und Müh schafft er es, seinen eigenen Lebensfluss und somit sich selbst wieder ins Fliessen zu bringen..."

Klar, die Nachricht habe ich im Spass geschrieben, mit Lach-Emoticons versehen und passender Mimik verfasst. Und gleichzeitig war da so viel Wahrheit in der Nachricht, und das Gefühl, den Eisblock auftauen zu sehen, so befreiend, als hätte sich nicht nur das Eis, sondern gleichzeitig etwas in meinem Inneren aufgelöst, oder eine Auflösung sich mir zu erkennen gegeben, oder als hätte sich ein innerer Prozess verkörpert.


Der Eisblock, nachdem er in sich zusammengefallen war.
Der Eisblock, nachdem er in sich zusammengefallen war.

Und so kam​ mir der Gedanke, dass der Eisblock ein Symbol für vieles ist, das sich in unserem Inneren transformiert. Dass im Prinzip alles ein Symbol ist für alles, das tiefer geht. Im Alltag begegnen mir so viele auf den ersten Blick banale Dinge, die in mir etwas auslösen. Diese "Zweigleisigkeit" hatte ich zwar schon immer, resp. das Händchen dafür, Dinge einerseits ganz praktisch und gleichzeitig auf einer anderen Ebene zu betrachten. Doch heute beobachte ich meine Gefühle bewusster als früher, und daher fällt mir auch sofort auf, wie viel Zusammenhang der Eisblock als Spiegel meines Inneren hat. Er zeigt mir Antworten auf Fragen wie: Was war starr in mir, unbeweglich, und wo hat mich meine Starrheit früher blockiert? Wovon konnte ich mich lösen, das ich nicht mehr brauche und mir heute dieses Gefühl der Befreiung schenkt?


Innere Prozesse dauern meistens länger, als der Eisblock schmilzt. Manchmal dauert es Jahre, und manchmal ist mir erst bewusst, dass da ein Eisblock war, nachdem er angefangen hat, aufzutauen.


Wenn ich Altes gehen lasse, mich von Starrheit löse, Überdrüssiges über Bord werfe, beginnt etwas in mir wieder zu fliessen. Was mir dabei als zentral erscheint, ist gar nicht in erster Linie die Ursache der Starrheit, sondern eher, wie sich dieses Gefühl des Fliessens anfühlt.


Im Lebensfluss oder im Flow zu sein bedeutet für mich nicht in erster Linie Produktivität, nicht voller Elan und Tatendrang das nächste Ziel anzustreben, sondern im Grunde mal einfach, mich in den Fluss einzufügen: wahrzunehmen, was gerade da ist, und mit diesem Gefühl und den Umständen zu fliessen. In den Zustand zu kommen, in dem ich Widerstand aufgebe, das Bestehende annehme, um konstruktiv Lösungen zu sehen, statt gegen Probleme zu kämpfen.


Was mir hilft, immer wieder in meinen Lebensfluss zu kommen


Ich schreibe bewusst nicht "im Lebensfluss zu bleiben", da es für mich irgendwie zum Leben selbst dazugehört, immer wieder aus dem Lebensfluss hinausgespickt zu werden. Nein, ich meine es wirklich so: "immer wieder in den Lebensfluss zu kommen". Wenn ich mir Gedanken darüber mache, kommen mir als konkrete Beispiele folgende Dinge in den Sinn.


  • Dankbarkeit: Mir hilft es, zu visualisieren, welchen Weg ich gegangen bin, und dafür dankbar zu sein, was heute ist. Glück und Freude sind nicht selbstverständlich, und ich wertschätze diese Momente wie nichts anderes. Weiter ist es hilfreich, zu visualisieren, dass dieser Moment alles ist, was ich habe - dass Besitz ansonsten ein Konstrukt ist, das es real gar nicht gibt.


  • Zeit in der Natur: Die Zeit in der Natur zu verbringen, ist gerade in diesem Zusammenhang so wertvoll, denn die Natur zeigt uns wie kaum etwas anderes auf der Welt, was Vergänglichkeit wirklich bedeutet. Allgemein komme ich in Verbindung mit der Erde einfach besser im Moment und bei mir selbst an. Die Natur nehme ich als hochgradig beseelt wahr, und vielleicht auch deshalb finde ich durch sie leichter in meinen Lebensfluss zurück.


  • Ordnung schaffen: Ich bin von Natur aus nicht der allerordentlichste Mensch, und ein wenig Chaos kann meine Kreativität ankurbeln, mein Gefühl der Geborgenheit erhöhen - lässt mich mich einfach wohl fühlen. Dennoch: habe ich für Ordnung geschaffen, fühlt es sich manchmal an, als seien meine Lebensgeister wieder zum Leben erwacht.


Den Eisblock entfernt und den Kühlschrank gereinigt zu haben... einfach ein tolles Gefühl.
Den Eisblock entfernt und den Kühlschrank gereinigt zu haben... einfach ein tolles Gefühl.
  • Bewusst langsamer werden: Langsamkeit fängt beim Atem an. Wirklich - der Atem ist mein Anker. Wenn ich nach Entschleunigung strebe, muss ich kein Wellness-Wochenende buchen, sondern ich kann einen einzigen, langsamen Atemzug nehmen. Ich kann in jeder Situation wahrnehmen, welcher Teil meines Körpers verkrampft ist. Habe ich während eines Gesprächs mit einem Geschäftskunden meine Gesässmuskeln angespannt, fällt mir das auf, und ich entspanne mich im Moment. Mein Kiefer ist selten angespannt, weil ich mich im Alltag bewusst darauf achte. Das macht alles langsamer, insbesondere mein Empfinden, und ich wette, auch das Empfinden meines Gegenübers auf irgendeine Art.


  • Schlafen: dass der Schlaf etwas vom Allerwichtigsten für uns ist, war mir nicht immer bewusst. Es kann sich schliesslich auch gut anfühlen, im Tun zu sein, aktiv, mit Energie und Tagendrang, ohne an Schlaf zu denken. Doch wenn ich nicht schlafe, bin ich unausgeglichen, und der Moment des um so grösseren Absturzes wird nur herausgeschoben. Wenn ich hingegen schlafe, bin ich in meiner Mitte. Ich erlaube meinem Körper, sich zu erholen, und beruhige gleichzeitig meinen Geist.


  • Musik, Schreiben, Kreativität: Manchmal bin ich unkreativ und unzufrieden, und ich fange nicht aus Lust an, Musik zu hören, zu schreiben oder zu malen. Doch wenn ich mal anfange, löst sich wie aus Geisteshand etwas, und ehe ich mich versehe, bin ich wieder im Lebensfluss.


Mit Anlehnung an den Eisblock hat mir das Auftauen weitgehendst geholfen, in den Fluss zu kommen, oder womöglich einfach, meinen Lebensfluss intensiver wahrzunehmen.


Manchmal habe ich das Gefühl, dass es bei der Inspiration, die aus alltäglichen Dingen entsteht, ähnlich ist wie beispielsweise beim Deuten von Fügungen oder beim Ziehen einer Karte (Orakel, Tarot etc.). Man sieht die Karte an und denkt sich: Was könnte sie für mich bedeuten? Und das ist die Crux, die alle Dinge irgendwie gemein haben: Es ereignen sich scheinbare Zufälle oder Fügungen, und wir selbst sind diejenigen, die den Dingen Bedeutung geben, oder auch nicht.


Die Deutungshoheit gehört jedem von uns, und darin sehe ich den Zauber des Alltags.

Denn am Schluss ist ein Eisblock einfach ein Eisblock, und die Reinigung ein alltäglicher Prozess. Was wir daraus machen, welche Gedanken wir darüber hegen, und ob wir im Normalen etwas Zauberhaftes entdecken - darauf haben wir Einfluss. Ob ein schmelzender Eisblock mich daran erinnert, wie sich etwas Starres in meinem Inneren auflöst, ob ich mir Sorgen mache, dass der Kühlschrank womöglich kaputt ist, oder ob ich den Eisblock einfach entferne und nichts weiter dabei denke (letzteres würde übrigens auch zu mir passen).


Am Schluss ist das Bild, das ich zeichnen möchte: in jedem Moment steckt Magie. Sei es im scheinbar noch so Banalen. Inspiration kommt von überall, und manchmal bin ich bereit, sie zu erkennen.

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