top of page

Wenn etwas in uns brennt - und wir trotzdem nicht dafür losgehen.

Die Sonne stand tief, als ich gestern die warme Abendstimmung auf dem Feld neben meiner Wohnung im Emmental genoss und mit meinem Hund Aico spielte. Die Szenerie war wunderschön, filmisch - so nahm ich einige Sekunden mit meinem Handy auf, legte aktivierende Musik auf den Clip sowie folgenden Text:

„Stell dir vor, die ganze Welt stünde dir offen… Wofür würdest du losgehen?“


Als ich den 9-sekündigen Clip danach mit der Community teilte, schrieb mir mein Onkel: „Es geht uns so gut, dass wir es einfach nicht immer bemerken, wie gut es uns geht“, und mit einem virtuellen Schmunzeln fügte er an: „Ausser, wir sehen solch ein schönes Bild. Zum Träumen.“ Diese Nachricht hat mich dazu inspiriert, diesen Blogbeitrag zu schreiben.


 Ja, vielen von uns geht es gut, und trotzdem sehen wir oft nicht, was uns offensteht. Nicht jeder Mensch hat dieselben Möglichkeiten... doch nutzen wir jene, die tatsächlich vor uns liegen? Auch wenn uns Wege offenstehen, heisst das nicht, dass wir dafür losgehen, wofür wir brennen. Herzensangelegenheiten bleiben im Hintergrund, wir beschäftigen uns mit allem Möglichen, nur nicht damit, was wir eigentlich wollen. Womöglich ist uns auch nicht klar, was wir wollen. Und statt danach zu suchen, lenken wir uns ab oder betäuben uns. Die Gründe sind vielfältig, vielleicht liegt manchmal auch kein tieferer Grund vor - und doch finde ich es lohnenswert, sich darüber Gedanken zu machen.


Ein Screenshot aus dem erwähnten Clip (hier noch ohne Text)
Ein Screenshot aus dem erwähnten Clip (hier noch ohne Text)

Mir ging es so beim Schreiben meines Romans. Da das Manuskript jetzt im Endlektorat ist und der Roman voraussichtlich im nächsten Frühjahr rauskommt, möchte ich heute von meinen eigenen Stolpersteinen in diesem Schreibprozess erzählen.


Das Schreiben an sich hat mich immer beflügelt. Seit ich denken kann, schreibe ich Tagebücher, mit zwölf Jahren habe ich damit begonnen, meine erste literarische Geschichte auf der Schreibmaschine zu tippen, und das Lesen meiner Aufsätze hat die Lehrer in der Schule oft mehr gefreut als mich selbst. Auf jeden Fall wusste ich schon früh, dass das schreibende Erzählen eines meiner stärksten Talente ist. So habe ich mein Leben lang geschrieben und meine Gefühle mit dem Schreiben von Songtexten erstmals mit Menschen geteilt, bin als Journalistin losgegangen und habe über vorgegebene wie selbst gewählte Themen geschrieben. Als Texterin habe ich Werbetexte geschrieben und Content für Social Media produziert.


Und jetzt war ich an dem Punkt, an dem ich wusste, dass ich über etwas Bestimmtes schreiben will: über eine zutiefst lebensverändernde Grenzerfahrung, die ich lange verdrängt habe. Es ist schwer zu beschreiben, manchmal fühlte es sich an wie ein inneres Ziehen, auf jeden Fall sah ich es mehr und mehr als meine Aufgabe an, darüber und über den Weg zurück zu erzählen - ein Buch darüber zu schreiben. Dadurch wurde es zum Teil schmerzvoll, genau ebendies nicht zu tun - also nicht zu schreiben. Nicht schmerzvoll im Sinne von Höllenqualen, doch im Sinne eines frustrierenden Pieksens, das immer wieder rief: „Hey, da ist im Fall was. Schau mich an.“ Dinge, die mir wichtig waren und mir Freude bereiteten, waren nicht mehr ganz so erfüllend. Ja, und so wurde mir nach und nach bewusst, dass ich erfolgreich verdrängte. 


Das hat sich verändert, als ich mich dazu entschieden habe, wirklich hinzuschauen. Durch den Schmerz der Erinnerung zu gehen, der tatsächlich nicht ohne war. Als ich dann mit dem Schreiben der Geschichte begann, musste ich der literarischen Unmittelbarkeit und Authentizität zuliebe wieder in die Erlebnisse eintauchen, und gerade im ersten Akt des Buches bin ich manchmal in Tränen ausgebrochen. Meine Geschichte mag spannend zu lesen sein, doch das Schreiben war für mich zunächst nicht einfach. Ich ging zurück zu Erlebnissen, die mich zwar zutiefst fasziniert und hingerissen hatten, und die ich doch die meiste Zeit lieber in einer dunklen Kammer meines Unterbewusstsein versteckte. (Ohweja, habe ich teilweise gedacht - wie schaffe ich es, aus solchen Ereignissen einen Roman zu machen, der hochschwingend ist? Diesem Thema werde ich mich in einem anderen Beitrag widmen.)


Seit ich mich wirklich dazu entschieden habe, für das loszugehen, was in meinem Inneren brennt, und dafür auch durch Schmerz zu gehen, ist wahnsinnig viel in mir geschehen. Durch diesen Prozess gegangen zu sein, hat vieles in mir transformiert und geheilt, und tatsächlich: Heute sehe ich den Roman als eigenständige Geschichte an, nicht mehr in dem Sinne nur als meine Geschichte - schliesslich ist der Roman nicht nur autobiographisch inspiriert, sondern auch literarisch und fiktionalisiert. Soll heissen, dass ich eigene Figuren, Dialoge und Handlungen ins Leben gerufen und weiterentwickelt habe, mit ihnen mitgewachsen bin, und heute so weit bin, dass ich einen professionellen Umgang mit dem Stoff gefunden habe.


Der Grund, weshalb wir nicht für etwas losgehen, das uns am Herzen liegt, muss nicht zwingend der sein, dass uns etwas wehtut. Manchmal sind wir einfach aus anderen Gründen noch nicht bereit dafür. Mag das die fehlende Klarheit sein, die wir für einen gewissen Schritt benötigen, oder womöglich fehlt uns noch der Mut, in gröberen Angelegenheiten vielleicht der letzte Tritt in den Allerwertesten. Dabei müssen wir uns nicht schlecht fühlen oder uns sogar Vorwürfe machen. Im Gegenteil! Manchmal kann sich das, was wir Selbstsabotage nennen, als der Anteil in uns herausstellen, der uns durchaus wohlgesinnt ist, uns aber auch schützen will. 


Aico und ich, gestern Abend bei mir zu Hause im Emmental.
Aico und ich, gestern Abend bei mir zu Hause im Emmental.

Das Mitgefühl mir selbst gegenüber habe ich schliesslich gebraucht, um mich sachte an mich selbst heranzuwagen. Ich habe Präsenz und Klarheit gebraucht, und die Bereitschaft, mich ohne Ablenkung durch Substanzen oder Süchte mit mir selbst und meinem Inneren zu befassen. Das hat Jahre benötigt, und dabei ist etwas für mich zentral: Ein kleiner Schritt in die angestrebte Richtung kann etwas ins Rollen bringen. Viele kleine Schritte führen mich dahin, wo ich mir zu sein wünsche. Das Jetzt ist so entscheidend in dem Ganzen, dass ich es gar nicht genug unterstreichen kann. Ein kleiner Moment der Zufriedenheit wird mir mehr dieser Zufriedenheit bringen. Und aus meiner Sicht braucht es gerade das - die Zufriedenheit, die Annahme des Moments und des jetzigen Ichs.


Neben Mitgefühl, Präsenz und Klarheit brauche ich deshalb vor allem Vertrauen in den Prozess. Das heisst, darauf zu vertrauen, dass es seinen Sinn hat, weshalb dies oder das heute geschieht. Weshalb ich noch im Widerstand war, konnte ich rational nicht immer greifen, doch habe ich ihn gespürt. Alles hat seinen Grund, und den sehe ich oft erst später, manchmal Jahre später. Damit sollen Schmerz und Leid nicht gerechtfertigt sein, doch schliesslich geht es mir um Transformation und Selbstverbindung. Heute habe ich eine starke Verbindung zu meinen Gefühlen und stehe stabil. Diese Zeit habe ich gebraucht - und mein Roman ebenso. Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus sofort loszurennen, sondern ums zugewandte Zuhören - darum, sich selbst wieder besser zu spüren und zuzuhören.


Wofür würdest du losgehen?


1 Kommentar


Michi
vor 15 Stunden

Danke für die ermutigenden Einblicke in Deinen eigenen Prozess vom Buch schreiben und dann auch veröffentlichen. Ich denke ein solcher Schritt nach Aussen mit dem eigenen kulturellem Schaffen, sei es schriftstellerisch, musikalisch oder mit sonstiger künstlerischer Tätigkeit braucht auch viel Mut. Mit dem selber geschriebenen Roman oder mit der eigenen Musik an die Öffentlichkeit. Wow, und diesen Mut hast Du! Ich freu mich jedenfalls auf das Buch, wird sicher der Hammer! Liebe Grüsse!

Gefällt mir
bottom of page