Glaubenssätze erkennen, auflösen und selbstbestimmter leben
- Selina Moser
- 10. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Selbstbestimmung - was heisst das? Für mich bedeutet es beispielsweise, in meinem Selbstausdruck frei und durch mein blosses Sein im Augenblick authentisch zu leben. Was es auf diesem Weg aufzuräumen gibt, ist nicht wenig - unter anderem sind es Glaubenssätze, die ich und wohl im einen oder anderen Sinne wir alle im Laufe unserer frühesten Kindheit und Jugend übernehmen, und die sich hartnäckig - manchmal subtil, unterschwellig, manchmal etwas eindeutiger - durch unser Leben hindurch ziehen.
Da ich vermute, dass Glaubenssätze ein kollektives Thema sind und auf eine Art die Aufgabe von uns Menschen, sie zu erkennen und aufzulösen, geht es im heutigen Blogbeitrag darum. Ich erzähle hier, welche Glaubenssätze bei mir in meinem bisherigen Leben ein Thema waren oder immer noch sind.

Hyperintelligenter Körper: Erkenntnis durch Wahrnehmen
Glaubenssätze über mich und andere sind oft unbewusst. Sie fallen mir auf durch Beobachtung, allem voran durch die Beobachtung meines Körpers. Wenn ich meine Empfindungen wahrnehme: Zum Beispiel einen Druck oder eine Spannung. Ein Herzklopfen, ein Kloss im Hals. Wenn mir die Wärme ins Gesicht schiesst oder die Energie plötzlich absinkt, sei es in der Meditation oder im alltäglichen Umgang mit Mitmenschen. Ich schlucke nicht runter und will es weghaben, weil es unangenehm ist, wie ich es früher automatisch gemacht hätte. Stattdessen atme ich weiter, reagiere nicht sofort, beobachte.
Manchmal frage ich mich. "Und jetzt? Was ist das jetzt? Warum, woher?" Ich komme vielleicht nicht auf die Antwort, doch ich bin okay damit. Schon nur dieses Daseinlassen befreit auf eine Art und lädt etwas in mein Leben ein. Und zwar entweder einfach eine subtile Art von Ruhe und Gelassenheit, und vielleicht Erkenntnisse und Aha-Momente, die im Verlauf der nächsten Tage wie Geistesblitze aufpoppen oder die sich auch schleichend wie superlangsam sickerndes Wasser in mir festsetzen.
Beispielsweise konnte ich mir eine bestimmte starke Sehnsucht nicht erklären in Verbindung mit einem Menschen, dessen Verhalten sich unklar und schwer greifbar anfühlt. Das war mir sehr vertraut, denn es war früher aufgrund Kindheitserfahrungen eines meiner Muster, die Verbindung mit diesem Typ Mensch zu suchen. "Aber das habe ich doch schon lange gelöst", denke ich. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass das Gefühl nicht wirklich zu mir und zu meinem jetzigen Leben passt.

"Nun gut", denke ich weiter, "ich lasse das mal so stehen und beobachte meinen Körper und dieses Gefühl." Plötzlich, nach Tagen und Wochen kommt mir ein Bild, ich habe einen Traum von jemandem, und immer öfter kommt jemand Bestimmtes in mein gedankliches Feld: Eine Freundin, die sich vor vielen Jahren ähnlich gezeigt hat, ähnliche Verhaltensmuster aufwies, und deren Trennung ich wohl bis heute nicht verarbeitet habe. Offenbar hatte ich mich der Trauer nie richtig hingegeben, und das Thema hat mich auf einer unterbewussten Ebene beschäftigt.
Was ich mit dieser Geschichte aufzeigen möchte: Wenn wir in die Lage kommen zu denken, “Gut, jetzt habe ich das beobachtet oder zugelassen - doch, was nun?”, dürfen wir uns in Geduld üben, denn das Leben und Erkenntnisse überraschen uns manchmal im unerwartetsten Augenblick - oder in dem Augenblick, in dem wir gar nicht mehr auf eine Lösung oder Antwort gewartet haben.
Hier nun einige Glaubenssätze, die ich teilweise verarbeitet, abgelegt, losgelassen und/oder erkannt habe.
Glaubenssatz Nr. 1: Ich muss noch mehr tun, damit ich genug bin
Dieses Gefühl, im jetzigen Moment auf “0” zu sein, ohne Dinge, die ich noch tun sollte, die wie Schulden oder eine schwere Last an mir hängen - dieses Gefühl geniesse ich heute ganz besonders. Ich bin einfach da, und es ist genug. Es ist alles perfekt, genau so, wie es ist!
Der Drang, besser zu werden und meine Ziele bis ans Limit zu verfolgen und diszipliniert umzusetzen, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt verwerflich, schliesslich hat er mir in meinem Leben schon viel Erfolg beschert. Auch gehört Leistung mit zu den Dingen, für die wir schon in der Schule und später im Job Anerkennung bekommen. Ebendieser Leistungsdruck könnte aber auch als Deckmantel verwendet werden, um die eigene Unzulänglichkeit nicht zu sehen und unterschwellig weiterleben zu lassen.

Obwohl dieser Glaubenssatz lange unbemerkt in mir war und ich meinen Selbstwert von meiner Identifikation als leistungsstarker Mensch abhängig machte, bin ich zeit meines Lebens weitgehendst vom Gefühl des Neidisch-Seins verschont geblieben, wofür ich sehr dankbar bin. Jedoch habe ich selbst Neid von anderen erhalten, was mich früher sehr verletzt hat. Wenn ich es aus dieser Brille aus betrachte, habe ich viel mehr Verständnis und Mitgefühl auch für diese Gefühle: Die leistungsorientierte Gesellschaft kann das Vergleichen und Konkurrieren befeuern.
Diesen Glaubenssatz selbst in mir entdeckt zu haben, hat somit mein Mitgefühl für mein Umfeld gestärkt, und insbesondere hat es mir aufgezeigt, dass wahre Selbstliebe im Jetzt stattfindet - nie in der Zukunft.
Glaubenssatz Nr. 2: Ich bin, was andere von mir halten / ich muss es allen recht machen.
Auch das ein weitverbreiteter, oft unbewusster Glaubenssatz, der enormen Einfluss auf unser Leben hat. Vielleicht ist es schwer, sich das einzugestehen, doch am Schluss ist es normal, sich soziale Anerkennung zu wünschen. Umgekehrt erfahren wohl die wenigsten gerne Ablehnung.
Gleichzeitig können wir es nicht allen recht machen, und von irgendjemandem wird man immer auf die eine oder andere Weise Ablehnung erfahren. Manchmal sind es unsere Engsten (Eltern, Familie, Partner), von denen wir eine Art Ablehnung erfahren, wenn wir nicht einem bestimmten Ideal entsprechen. Ob die Ablehnung real oder nicht real ist, spielt dabei oft gar keine Rolle, weil die Angst davor der entscheidende Punkt ist.
Zu erkennen, dass “die anderen” ein Konstrukt in unserem Kopf ist, das wir uns selbst aus Erfahrungen heraus bilden, und dass wir niemals wissen können, was andere wirklich denken oder fühlen, ist ein riesengrosser Schritt in Richtung Selbstliebe.

Das bedeutet nicht, ein Einsiedlerleben zu führen und sich abzukapseln - im Gegenteil. Wenn ich verbunden bin mit mir selbst, erkenne ich, dass ich verbunden bin mit allem. Ich fühle mich nicht isoliert. Doch eventuelle Gedanken daran, was andere denken könnten, berühren mich emotional nicht mehr - weil ich gelernt habe, mich selbst zu lieben.
Glaubenssatz Nr. 3: Mit mir stimmt etwas nicht / ich bin zu viel, zu emotional, ich muss mich zurückhalten.
Zu denken, man sei falsch oder zu viel, kann sich gefährlich subtil durch das Leben schleichen. Die Antworten auf die Fragen, wer man ist, beispielsweise in einer Diagnose zu suchen und sich selbst abzustempeln als jemand mit einer Störung, kann im ersten Moment Linderung verschaffen und eine Art Klarheit. Ich kann das gut verstehen.
Doch am Schluss sind wir das, was wir denken, wer wir sind, und verlieren uns selbst in der Anhaftung an eine Meinung, die wir uns über uns selbst gebildet haben.
Natürlich ist es auch möglich, dass es gar nicht um uns selbst geht, und dass wir mit dem Finger auf andere zeigen und diese pathologisieren. Die anderen sind immer ein Spiegel meiner selbst. Wenn ich andere verurteile, verurteile ich mich selbst. Wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, kommt es mir gar nicht in den Sinn, andere zu verurteilen. Denn ich erkenne, dass alles, was ich in dieser Welt ändern kann, in mir beginnt.

Sich ganz pragmatisch zu sagen, dass man okay ist, wie man ist, mit allen Stärken und Schwächen, ist vielleicht gar nicht so einfach, doch es gelingt viel leichter, wenn man sich befreit hat von dem Glaubenssatz, man sei grundsätzlich falsch.
Glaubenssatz Nr. 4: Ich gestalte das Leben nicht selbst, sondern das Leben überrollt mich.
Lange Zeit war ich von meinem Vertrauen in das Leben auf geistiger Ebene abgekapselt und habe mich als Spielball des Lebens wahrgenommen. Das Leben geschieht einfach, und ich passe mich an, jedoch habe ich nie im Griff, was geschieht. Das hat automatisch mein Nervensystem aktiviert und Stress verursacht.
Heute sehe ich das anders: Ich gestalte mein Leben selbst. Einerseits habe ich ein unbändiges Vertrauen in das Leben, und gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass in jeder Minute, jedem Augenblick, die Entscheidung bei mir liegt, wie ich über meine Gefühle denke, oder wie ich über das Aussen denke - überhaupt, OB ich denke, und wie viel Gewicht ich den jeweiligen Gedanken geben will.
Meine Gedanken und Gefühle kreieren die Wirklichkeit, so wie alle Gedanken und Gefühle von allen Menschen die Wirklichkeit kreieren. Die Frage ist: Bin ich mir dessen bewusst, und bin ich mutig genug, mein Leben entsprechend zu lenken?
Dieses Bewusstsein ist m.E. ein riesen Gamechanger, oder ist einer der grössten Gamechanger in meinem Leben.

Es gibt noch viel mehr Glaubenssätze, die es zu erkennen und aufzulösen gilt. Ich habe hier vier gelistet, die ich als universell empfinde und die mir erfahrungsgemäss für ein selbstbestimmtes Leben im Wege standen.
Was mir dabei als wichtig erscheint, ist, dass der erste Schritt das Beobachten seiner selbst ist. Vielleicht bringt uns das rational noch nicht weiter und wir fühlen uns, als würden wir im Dunkeln tappen. Was tue ich jetzt mit all dem?, fragen wir uns, und beobachten auch diese Gedanken, diesen Wissensdurst.
Und je länger, je mehr kommt alles von selbst: Je mehr ich dem Prozess vertraue, desto mehr beschleunigt sich dieser und es zeigen sich Dinge, die ich nicht für möglich gehalten hätte und die das Vertrauen noch mehr stärken.
Je mehr ich mir und meinen Gefühlen vertraue, desto selbstbestimmter führe ich mein Leben.




Hallo Roland - vielen Dank für dein aufmerksames Lesen und Interesse. Wie schön, dass du das innere Kind ansprichst, das hier tatsächlich eine wichtige Rolle spielt.. dass Glaubenssätze Überlebensstrategien waren oder sind, fördert unser Verständnis und Mitgefühl für uns selbst, finde ich.
Das Thema ist ein Riesenfass und wohl schwer in einen Beitrag zu packen, womöglich wäre auch eine Serie hierzu sinnvoll. :-) Oder wie du schreibst, schöne, offene Diskussionen.
Wie wertvoll es doch ist, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen und seine Erfahrungen zu teilen. Ich bin überzeugt, dass wir damit gemeinsam wachsen.
Vielen Dank und herzliche Grüsse.
Selina
Liebe Selina. Du sprichst eines der zentralsten Themen in jeder Veränderungsarbeit an. Als jemand, der stark mit dem Konstruktivismus verknüpft ist, erscheint mir der Einfluss den Glaubenssätze auf unsere Welt haben, zentral. Ein Glaubenssatz ist nur eine Interpretation der Realität, keine Tatsache. Methoden wie die Frage „Ist das wahr?" (The Work von Byron Katie) helfen, die Starrheit dieser Annahmen zu lockern, statt sie nur zu „beobachten". Dass Glaubenssätze oft Überlebensstrategien waren, die in der Kindheit sinnvoll waren (z. B. eben "Ich muss Leistung bringen, um geliebt zu werden"), aber im Erwachsenenleben hinderlich sind ist sowohl wichtig, wie auch einer der Ansatzpunkte zur Veränderung: Zuwendung zum inneren Kind. Dann gelangen wir mit der Reflexion zu Glaubenssätzen auch ganz rasch zur Schattenarbeit (C.G. Jung)…