Was wir nicht sehen: Die Geschichte hinter dem Menschen
- Selina Moser
- vor 1 Tag
- 5 Min. Lesezeit
Was ein Mensch erlebt hat, was ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt ist, und was das ist, was er jetzt ist - das ist für uns meistens nicht sichtbar.
Während ich im letzten Beitrag über Bodenhaftung geschrieben habe und was mir hilft, bei mir zu bleiben, will ich hier darauf eingehen, was für Vorteile uns die Bodenhaftung bringt - beispielsweise, dass wir beginnen, die Menschen anders zu sehen. Wir urteilen weniger, verstehen und erspüren mehr. Das kann die Verbundenheit unter uns und zu uns selbst stärken und ein Beschleuniger unserer Nächstenliebe sein.

Dass wir über andere Menschen urteilen, ist menschlich. Stets haben wir unser eigenes Raster, wie wir die Welt wahrnehmen, und dieses ergibt sich aus unseren Erfahrungen. Aus diesem begrenzten, manchmal engen Raster unserer Erfahrungen und Wahrnehmung beurteilen wir einen Menschen oft aufgrund einen einzigen Moments, obwohl wir 99% der Geschichte gar nicht kennen. Krass? Ja, krass, doch auch ganz normal.
Was wir nicht wissen
Ich zähle mich selbst dazu. Beispielsweise ist es so, dass ich - seit ich lebe - starke Gefühle und Emotionen habe. Dabei kam es vor, dass ich manchmal das Gefühl hatte, andere Menschen wären im Vergleich fast wie emotionslos, einfach weil sie ihre Gefühle vielleicht anders zeigen. Fakt ist: starke Gefühle sind menschlich, und jeder hat andere Wege, diese zu zeigen. Gefühle können für alle Menschen überwältigend schön wie schwer sein. Wir können nie wissen, wie jemand anders wirklich fühlt, weil wir schlicht nur unsere eigene Wahrnehmung haben.
Ein weiteres Beispiel: Wir haben mit Traumata aus unserer Kindheit zu kämpfen, und haben uns immer wieder gesagt, “Was dich nicht umbringt, macht dich stärker”. Entsprechend kann es vorkommen, dass wir Menschen, deren Traumata womöglich gar nicht sichtbar sind, vorschnell beurteilen, und uns ihnen gegenüber überhöhen. So à la "Ich hatte es viel schwerer", als wäre es ein Wettbewerb, wer das grössere Trauma hatte. Das ist auch etwas, das ich im letzten Beitrag angeschnitten habe: Die Überhöhung anderen Menschen gegenüber. Der Gedanke, man sei weiter oder wisse mehr.
Stop! Ich weiss, dass ich nichts weiss, und dieses Nichtwissen macht mich gleichwertig mit allen Menschen.

Dieses Bewusstsein begleitet mich immer wieder. Wir können nie wissen, was jemand in seinem ganzen Leben bereits erlebt hat. Oder umgekehrt: Es kann niemand wissen, was du in deinem Leben erlebt hast. Sei es im offenbar Guten oder im Schlechten, es wird dem Menschen mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht gerecht, was wir über ihn denken. So lege ich mir selbst ans Herz, nicht zu früh zu urteilen.
Von der Schublade zum Sein-Lassen
Weiter ist es ja so, dass wir auch uns selbst beurteilen, laufend und ohne, dass es uns vielleicht bewusst ist. Es gibt uns Sicherheit und Struktur, das zu tun. So ist beispielsweise der Versuch, sich selbst in eine Diagnose oder in eine Schublade zu stecken, auch ganz verständlich, wenn man es damit begründet, dass wir uns sicher fühlen und irgendwie rational verstehen wollen.
Ich habe für mich herausgefunden, dass es Wege gibt, um auch aus der Selbstbeurteilung herauszukommen. Für mich ist es der Weg der Achtsamkeit, der mich regelmässig dazu bringt, meine Identität und mein Ego ein Stück weit loszulassen.
Dieser Weg der Achtsamkeit kann verschiedene Gesichter haben. Beispielsweise ist die Musik eine Art, diesen Weg zu beschreiten, so ist es Kreativität, so ist es Meditation, Yoga, Sport - ja, eigentlich alles, was mit der Bodenhaftung zusammenhängt und damit, bei uns zu bleiben, und unser Denken abzustellen. Wie das genau aussieht, das ist für jeden Menschen unterschiedlich.
Wenn ich vollkommen im Moment aufgehe, und mein Ego nicht mehr ständig dazwischen spricht, bin ich frei von Urteilen. Mir selbst, wie auch anderen gegenüber.

Je ruhiger ich in mir selbst werde, desto weniger muss ich andere bewerten. Umgekehrt urteile ich schneller, wenn ich ständig im Ego und mit mir selbst beschäftigt bin.
Wenn ich ständig reagiere, statt den anderen einfach sein zu lassen, wie er ist, und zuzuhören, was er mir (womöglich auch nonverbal) zu sagen hat. Schliesslich ist jeder Mensch auch mein Spiegel. Wie ich mich einem anderen Menschen gegenüber verhalte, sagt viel über mich selbst aus - mehr als über ihn. Wie der andere mich behandelt, sagt etwas über ihn aus. Aber eben auch nur einen Teil. Einen Teil seiner Geschichte, die ich nicht sehen kann.
Mitgefühl kultivieren - durch Demut
Ich glaube, dass es enorm viel bringt, wenn wir unseren Hochmut runterschrauben und uns in Demut üben. Oh, und da spreche ich von mir selbst. Mein Hochmut war für mich oft ein Thema. Sicher habe ich mich manchmal auch über andere gestellt, obwohl es überhaupt keinen Grund dazu gab, ausser den, mich selbst dabei etwas besser zu fühlen. Das ist so menschlich, und entsprechend habe ich grosses Verständnis für alle Menschen, die schnell urteilen und sich aus einer Verletzlichkeit heraus über jemand anderen stellen.
Es ist paradox und lustig zugleich: Je mehr wir lernen, Menschen vorbehaltlos und ohne Urteil anzunehmen, wächst unser Verständnis für diejenigen, die uns womöglich beurteilen, und desto freier werden wir durch dieses Verständnis, oder desto weniger abhängig vom Urteil von Aussen.

Ich mache die Erfahrung, dass das vorbehaltlose Annehmen der Menschen (ohne Urteil) und die Nächstenliebe Hand in Hand gehen. Das eine verstärkt das andere und umgekehrt.
Das wiederum bedeutet nicht, dass ich alles akzeptiere oder allem zustimme. Bloss nicht, denn umgekehrt wäre ich auch ohne mein Ego verloren. Nein, es bedeutet einfach, dass ich den anderen ein wenig besser verstehe. Ich verstehe mein Gegenüber in seiner Vielfalt, in seiner Ganzheit - dieser Mensch ist viel mehr, als ich jetzt denke.
Den Mitmensch als mich selbst erkennen
Es gibt noch weitere Gedanken, die meiner Erfahrung nach die Nächstenliebe und das Gefühl von Verbundenheit verstärken. Beispielsweise habe ich mir oft vorgestellt, wie ich in einem anderen Leben vielleicht genau diese Person wäre. Diesen Gedanken zu haben, schien mir früher etwas freaky, und schliesslich glaubt auch nicht jeder an Reinkarnation. Doch heute finde ich ihn unabhängig davon, welchen Glauben ich habe, sehr förderlich, um meine Nächstenliebe zu kultivieren.
Wenn wir den Menschen, gegen den wir uns vielleicht auflehnen, als uns selbst erkennen (oder auch einfach Anteile von uns in ihm, als Projektion - aber das ist wieder ein anderes Thema), wie können wir ihn dann noch als völlig fremd betrachten oder ihn vorschnell verteufeln?
Klar, auch hier spielt wieder das Ego mit rein. Wie immer - denn das Ego wird sich immer als einzigartig, doch auch getrennt wahrnehmen, während das Bewusstsein der Einheit genau das Gegenteil macht: Die Verbindung mit allem, mit uns selbst und mit den Menschen und allem Lebendigen stärken.

Manchmal gehe ich durch die Strassen, und ich nehme mir vor, die Menschen als das zu sehen, was sie potenziell sein könnten. Nicht als griesgrämige, gestresste Passanten, als die ich sie vielleicht auf den ersten Blick einstufen würde. Sondern als vielschichtige Wesen mit dem Potenzial, ihre jeweils beste Version zu sein. Dabei bin ich mir bewusst, dass ich einen Beitrag dazu leiste, je nachdem, wie ich dem Menschen begegne - womöglich einen kleinen, doch in der Summe einen gar nicht mal so kleinen.
Schon nur ein Lächeln, ein netter Blick, können so viel bewegen! Ich glaube, das ist im Grossen und Ganzen auch der Grund dafür, dass ich diese Zeilen überhaupt schreibe. Um auszudrücken, wie viel ein nettes Wort für den anderen vielleicht bedeuten kann. Wie es sein Leben womöglich verändern kann - denn wir kennen die Geschichte des anderen einfach nicht. Und am Schluss, wie es mein eigenes Leben verändert, wenn ich aufhöre zu glauben, den anderen Menschen bereits zu kennen. Ich fühle mich verbunden - mit ihm, mit mir und der Welt.




Liebe Selina. Deine tiefgründigen Gedanken berühren mich sehr und laden zum Innehalten und zur Kontemplation ein. Dass wir durch unser begrenztes Wahrnehmungsraster urteilen und dabei die volle Geschichte des anderen nicht sehen, erinnert mich stark an konstruktivistische Annahmen: Wir erschaffen unsere Wirklichkeit subjektiv. Verändern wir unsere Wahrnehmung, verändert sich "unsere" Welt - und mit ihr auch die Menschen darin. Die NLP-Grundhaltung, dass die Karte nicht das Terrain ist, wird hier wunderbar greifbar. Dein Weg der Achtsamkeit, das Ego loszulassen und den anderen im „Sein-Lassen" zu würdigen, ist ein kraftvoller Beitrag zu mehr Mitgefühl und eben auch Ausdruck dafür, dass dieses Innehalten, die Schubladen erstmal geschlossen zu halten, die Urteile ziehen zu lassen wie Wölkchen am Sommerhimmel, dass all das auch…