More Me statt New Me: Mut zur Neuausrichtung - ein täglicher Prozess
- Selina Moser
- 2. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Ein neues Jahr beginnt, und wir dürfen es symbolisch als Chance zur inneren Neuausrichtung sehen. Das Jahresende, vielleicht verbunden mit den Rauhnächten, hat uns womöglich zur Reflexion angetrieben. Ob bewusst oder unbewusst: wahrscheinlich haben wir uns damit auseinandergesetzt, was wir sind, wo wir sind, und wo wir hinwollen
Wir dürfen Altes loslassen, innerlich entrümpeln, und an dem festhalten und das fördern, das uns gut tut und uns Freude bereitet.
Oft ist die Neuausrichtung auch gar nicht gross mit Vorsätzen verknüpft. "Und, was sind deine Vorsätze?" - "Keine.." Womöglich hören wir das ab und zu, und vielleicht sagen wir es auch uns selbst.
Vielleicht sind Vorsätze auch einfach intuitiv vorhanden, ohne sie klar zu benennen. Hier ein persönliches Beispiel dafür, was es mit der Neuausrichtung auf sich hat.

Am letzten Tag des Jahres war ich nahe am Wasser gebaut. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich einen Song gehört, den mir meine Schwester letztens geschickt hat. Den Songtext (99 Probleme von Madeline Juno) empfinde ich als sehr tiefgründig - es geht um Angstzustände und darum, wie wichtig es ist, mit seinen Ängsten nicht alleine zu sein, sondern sie zu teilen.
Während ich den Song gehört habe, bin ich in Tränen ausgebrochen. Für mich war es vom emotionalen Aspekt her wie eine Zusammenfassung eines Grossteils meines Lebens. Und auch eine leise Erinnerung an eine Phase, durch die ich in den letzten drei Monaten durch das Schreiben meines Buches quasi nochmals hindurch gegangen bin.
Ich war also im Auto, auf dem Weg zur Arbeit, und habe geweint und gelacht zugleich. “Okay, das Leben ist gerade sehr ehrlich”, ging mir durch den Kopf. Und ich hatte später das Bild des “Frühlingsputz” im Kopf - Tränen als Reinigung meines inneren Systems. Wo ich das Leben früher mit viel Leid und Schmerz assoziierte, sehe ich heute, dass Leichtigkeit daraus wachsen darf. Freude darüber, in meiner Authentizität aufzuwachen.

Was mir durch solche Momente klar wird:
Jede Neuausrichtung hat auch damit zu tun, seine Emotionen zu akzeptieren.
Es geht sehr oft darum, das Jetzt und alles, das damit zusammenhängt, ohne Widerstand anzunehmen.
Neuausrichtung ist ein Prozess - ein Weg der steten, konstanten Entscheidung für sich selbst.
Dass wir Gefühle zulassen und quasi “weicher werden”, ist womöglich viel mehr Neubeginn, als “mehr zu machen”.
Tränen sind kein Rückfall. Sie sind ein Zeichen von Kontakt zu uns selbst.
Gefühle zulassen zur Transformation
Wir dürfen mutig sein und unsere Gefühle zulassen. Manchmal müssen wir es sogar. Spätestens in Krisenzeiten haben wir oft keine andere Wahl.
Das bedeutet nicht, dass man im Leid ertrinken muss. Vielleicht kennen das die einen oder anderen: dass man sich in einer solchen emotionalen Spirale verlieren kann und im Leiden fast wie feststeckt. Einfach, weil unser System das kennt und weil es sich erstmal sicherer anfühlt, als etwas zu verändern.

Es muss auch nicht sein, dass wir weinen, vielleicht werden wir auch unglaublich schnell wütend und sind dieser starken Emotion wie ausgeliefert. Oder fühlen uns einfach gereizt, leer, überdreht. So oder so ist es oftmals mit einem enormen Kraftaufwand verbunden, aus diesem Gefühlsstrudel herauszukommen.
Früher habe ich fast täglich geweint. Im 2025 Jahr habe ich nicht viele Tränen vergossen und für mein Verhältnis wenige emotionalen Achterbahnen durchgemacht, auch wenn das Aussen durchaus Gründe geliefert hätte. Nicht, weil ich meine Emotionen unterdrücke, sondern weil ich heute stabiler bin. Weil ich vieles lösen musste - oder durfte. Weil ich heute mehr in meiner Mitte bin und meiner inneren Stimme vertraue.
Doch egal weshalb: Die Bedeutung dieses Moments ist relativ einfach zu deuten für mich. Ich empfinde es als Zeichen, dass etwas in mir sich entwickelt und klärt, heilt. Und somit neu ausrichtet.
Neue Beziehung mit dem, was in mir ist
Oft verdrängen wir Gefühle. Das ist vollkommen normal. Gerade, wenn es um herausfordernde Erinnerungen geht, welche mit viel Schmerz verbunden sind, halten wir diese "in Schach" und lenken uns ab. Und genau da scheitern Vorsätze oft: Wir wollen unser Verhalten ändern, während innen noch etwas nach Aufmerksamkeit ruft.

Die letzten drei Monate, in denen ich an meinem Roman gearbeitet habe, sind Türen in mir aufgegangen, die mir meine Ängste und Schmerzen nochmals in voller “Pracht” vorgeführt haben. Diese Türen hatte ich lange verschlossen, und Erinnerungen vor mir selbst versteckt - einfach weil ich noch nicht bereit dafür war, hinzuschauen. Das Hinschauen war hart, doch auf eine Art auch wie “Heimkommen” - zu mir selbst und zu all dem, was mich als Ganzes ausmacht.
Das bedeutet für mich Neuausrichtung. Es bedeutet nicht, etwas in mir zu verändern - eher heisst es für mich, eine neue Beziehung zu haben zu dem, was in mir ist. Die Transformation folgt oft von selbst, wenn die Beziehung stimmt.
Aufzuhören, gegen uns selbst anzukämpfen, kann vieles lösen und echt Veränderung ermöglichen. Viel mehr, als jeder perfekte Plan.
“Ja, das bin ich jetzt gerade. Das darf so sein. Das ist in Ordnung.” In dieser Annahme löst sich etwas.
Neuausrichtung ist dann nicht der euphorische Sturz in die Wellen am 1. Januar, sondern das leise, tägliche Check-In in mich selbst. Das Zurückkehren in meinen Körper und zu dem, was ich tief in mir als Wahrheit empfinde.

Neuer Blick auf Disziplin
Und dann kommt sie wieder, diese Frage mit den Vorsätzen. Womöglich haben wir nicht nur "intuitiv vorhandene Vorsätze", sondern klar benannte. Wir nehmen uns vor, Dinge zu ändern oder neu anzugehen.
Diese Entscheidung kann sich inspirierend anfühlen: wir sind voller frischer Entschlossenheit, spüren ein inneres “Jetzt aber”. Es folgen die ersten Tage, das Leben ruft, und - die Disziplin sinkt. Ehe wir uns versehen, sind unsere Neujahresvorsätze eine süsse Erinnerung an zuversichtliche Zeiten.
Vorsätze können scheitern, wenn es uns darum geht, Kontrolle zu haben, und gleichzeitig nicht einverstanden sind mit unseren Gefühlen und mit unserem Alltag. Einverstanden zu sein heisst in diesem Kontext nicht, dass man bleiben will, wie man ist. Sondern dass man einfach für den jetzigen Moment akzeptiert, dass etwas gerade so ist - um so die Kraft zu haben zur Veränderung.
Das Wort “Disziplin” trägt eine spezielle Energie. Man mag Bilder vor sich sehen von harten Erziehungsmassnahmen oder gar militärischem Fleiss. Von Kontrolle und Leistung.
Für mich ist die Disziplin heute ein Aspekt der Selbstliebe. Ein "Ich halte mein Wort", und zwar mir selbst gegenüber, und nicht gegenüber einem festgesetzten Plan.
Disziplin ist für mich eine Art Commitment mit mir selbst, eine Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit.

Täglicher Prozess der Neuausrichtung
Die Neuausrichtung ist ein täglicher Prozess. Ich bin vielleicht nicht immer motiviert dazu. Nicht so "Feuer und Flamme", wie ich es beispielsweise Anfang Jahr bin, während ich meinen Entschluss fasse und mein "New Me" schon vor mir steht.
Und dennoch halte ich daran fest - und zwar mit der Einstellung, dass es vielleicht gar nicht ein “New Me” braucht, und eher ein “More Me”.
Mehr von mir, von meinem echten Ich.
Statt mich zu verneinen und jemand anders sein zu wollen.
Oft zeigt sich dieser Prozess in Kleinigkeiten: ein kurzes Check-in. Ein freundlicher Gedanke statt Selbstkritik. Eine Entscheidung, die meinen Werten entspricht, auch wenn sie unspektakulär ist.
Folgend einige tägliche kleine Gesten, die unseren Prozess unterstützen können. Wenn du magst, pick dir eine davon raus.
Ein ehrlich gemeintes “Nein” - ohne Drama.
Mini-Check-In am Morgen: Was brauche ich heute?
Einmal zuerst tief ein- und ausatmen, bevor wir reagieren.
Fünf Minuten schreiben, spazieren, atmen.
Einen Song hören, Ruhe geniessen. Sport, Yoga.
Ein Tier streicheln, einen Baum umarmen.

Ehe wir uns versehen, werden wir immer mehr zu der Version von uns, die wir wirklich sein wollen. Nicht die beste Version, sondern die wahrhaftigste: Nicht perfekt, doch treu uns selbst gegenüber. Unseren Werten. Unserer Intuition. Und mira*: Unseren Vorsätzen gegenüber. Sollten diese uns in unserem jetzigen Sein unterstützen!
* Schweizerdeutsch für "von mir aus"
Fragen zum Neustart
Reflektiert über das vergangene Jahr haben wir Ende Jahr. Vielleicht tun wir es auch jetzt noch. Oder im besten Falle laufend ein wenig.
Hier einige Fragen, die wir uns beantworten dürfen, um unseren persönlichen Neustart authentisch zu leben.
Was darf dieses Jahr leichter werden?
Was tut mir gut / gibt mir Energie?
Bin ich bereit, mich anzunehmen - so wie ich heute bin?
Gibt es Dinge, die ich tue, um anderen zu gefallen?
Sind meine Pläne wirklich das, was mein Herz erfüllt?
Habe ich das Gefühl, leisten zu müssen, um gut genug zu sein?
Was bedeutet Disziplin für mich?
Erlaube ich mir, meine Gefühle zu fühlen - auch wenn es unangenehm ist?
Teile ich meine Gefühle?
Vielleicht nicht alle auf einmal - eine pro Tag? Und eine ehrliche Antwort darauf.

Neuausrichtung ist kein Start in ein perfektes Leben, sondern eher ein tägliches Zurückkehren in dich selbst. Was du heute bist und fühlst, worauf du deine Aufmerksamkeit lenkst: Das nährt, wächst und trägt dich Schritt für Schritt in eine Richtung.
Vielleicht ändern sich Vorsätze auch. Und das spüren wir in den Momenten, in denen wir in Kontakt sind mit uns selbst. More Me, statt New Me. Ehrlich und wahrhaftig. Ist das vielleicht der mutigste Neustart?
Viel Freude, Leichtigkeit und Wahrhaftigkeit im neuen Jahr!
Selina




Kommentare